Wertvolles Kulturgut: Die sprechenden Steine von Amrum

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Sprechende Steine werden die über 160 alten Grabplatten auf dem Amrumer Friedhof St. Clemens genannt. Ihre Inschriften geben Auskunft über das frühere Leben der Seefahrer. Als Zeugnis vergangener Bestattungskultur wurden sie vor dem Verfall gerettet.

Auf den Nordfriesischen Inseln verdienten besonders im ausgehenden 17. Jahrhundert und im 18. Jahrhundert viele Männer ihren Lebensunterhalt als Seefahrer auf den Walfangflotten und später auch auf Handelsschiffen. Von Februar bis September blieben sie bei dieser kräftezehrenden und sehr gefährlichen Arbeit ihrer Heimat fern. Mitunter konnten sich aber einige von ihnen im Lauf ihres Lebens vom einfachen Matrosen zum Kapitän hocharbeiten und so zu außergewöhnlichem Reichtum gelangen. Dieser wirtschaftliche Aufstieg wurde dann nicht nur etwa durch die Kleidung oder ein großes Haus zur Schau getragen, sondern spiegelte sich auch bei der Bestattung wider.

Dies zeigen die 169 sprechenden Steine auf dem Friedhof von St. Clemens in Nebel: Die bis zu zwei Meter hohen und 800 kg schweren Grabsteine wurden aufwändig mit Lebensweisheiten oder frommen Gedichten verziert, auf einigen stehen ganze Lebensgeschichten in Stein gemeißelt. Daher sind sie eine spannende historische Quelle für Forschungen über das damalige Leben der Seefahrer. Das vielleicht abenteuerlichste und bekannteste Beispiel ist die Geschichte von Harck Olufs:

Harck Olufs war seit seinem zwölften Lebensjahr Matrose. Als 15-Jähriger stach er 1724 in Nantes auf der „Hoffnung“ in See, um zurück nach Hamburg zu segeln. Das Schiff wurde jedoch vor England von algerischen Piraten überfallen und nach Algier verschleppt. Dort landete Harck Olufs auf dem Sklavenmarkt. Sein Vater, ein wohlhabender Reeder, versuchte ihn freizukaufen, was damals eine gängige Praxis war. In Folge einer Namensverwechslung kam jedoch ein anderer Harck zurück nach Nordfriesland. Harck Olufs verbrachte zwölf Jahre in Nordafrika und arbeitete sich in den Diensten des Beys von Constantine zum Oberbefehlshaber der Kavallerie hoch. Nachdem er als General der algerischen Armee bei der Eroberung von Tunis geholfen hatte, wurde er zum Dank freigelassen. Zurück auf Amrum heiratete er die eigentlich schon anderweitig versprochene Antje Lorenzen, mit der er fünf Kinder bekam. Er starb im Alter von 46 Jahren.

Projektgruppe rettete die Steine vor dem Verfall

Bei den meisten Grabmalen handelt es sich um Wesersandstein, der als Rohling auf die Insel gebracht und dort von heimischen Steinmetzen bearbeitet wurde. Ursprünglich positionierte man die Grabsteine in unsortierter Reihenfolge um die Kirche herum, was damals typisch für diese Region war. Nachdem die Preußen nach dem deutsch-dänischen Krieg im Jahr 1867 die Insel übernahmen, wurden die alten Seefahrer-Steine entfernt und der Friedhof mit einem ordentlichen Wegesystem ausgestattet. Seitdem lagerten sie an die Friedhofsmauer gelehnt, wo sie der Witterung ausgesetzt waren und ihre Inschriften mit der Zeit unleserlich wurden. Erst im Jahr 2009 gründeten Mitglieder der Amrumer Kirchengemeinde St. Clemens eine Projektgruppe, um dieses einzigartige Kulturgut zu bewahren:

Christa und Michael Langenhan, Frank Hansen und Kurt Tönissen setzten sich in Zusammenarbeit mit der Inselverwaltung engagiert und geduldig für die dringend notwendige Restaurierung und Neuaufstellung der 169 Grabsteine ein. Das Zusammentragen der dafür notwendigen Mittel war nur durch zahlreiche Spenden, Fördergelder und Grabsteinpatenschaften möglich. Heute stehen die Steine frisch aufgearbeitet und thematisch geordnet auf einem gesonderten Teil des Friedhofs. Zu dieser wichtigen Amrumer Sehenswürdigkeit wird während der Sommerzeit jeden Dienstag um 17 Uhr eine Führung angeboten. Einige Grabsteine sind zudem mit QR-Codes zum Abrufen weiterer Informationen ausgestattet. Weitere Details zu dem Projekt und die Inschriften einiger Steine findet man unter www.erzaehlende-steine.de

Cathrin Gawlista

Foto:
Dennis Schröter

Quellen:
http://www.monumente-online.de/de/ausgaben/2015/3/seelen-unter-segel.php#.WCw7zNwpEUE
http://www.erzaehlende-steine.de/

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